Zum Inhalt springen
zentr
DE / EN

YouTube ohne Algorithmus: So folgst du Kanälen chronologisch

Du willst nur das neue Video von dem einen Kanal sehen. Eine Stunde später schaust du einem Mann zu, der einen Hydraulikpressen-Test kommentiert. Das ist kein Zufall, sondern Absicht.

Claude Flaig 3 Min. Lesezeit

Person schaut abends ruhig ein Video auf dem Tablet – YouTube ohne Empfehlungsstrudel
der Wiedergabezeit auf YouTube entstehen durch Empfehlungen (YouTube, 2018)
~70 %
der Videos, die Nutzer:innen bereuten, kamen aus Empfehlungen (Mozilla, 2021)
71 %

Wie stark der Algorithmus steuert

YouTubes damaliger Produktchef Neal Mohan sagte 2018, dass rund 70 Prozent der Wiedergabezeit auf YouTube durch Empfehlungen entstehen. Ziel sei so etwas wie ein persönlicher, synthetischer Sender für jeden Nutzer. Neuere offizielle Zahlen gibt es nicht, aber die Richtung hat sich eher verstärkt: Startseite, Autoplay und Shorts sind heute noch stärker personalisiert.

Das Problem ist nicht, dass Empfehlungen schlecht sind. Manchmal entdeckt man so großartige Kanäle. Das Problem ist, dass sie für möglichst viel Wiedergabezeit optimiert sind, nicht für gute Zeit. Die Mozilla Foundation hat 2021 mit über 37.000 Freiwilligen untersucht, welche Videos Menschen hinterher bereuen. Ergebnis: 71 Prozent davon hatte YouTube empfohlen. Empfohlene Videos wurden um 40 Prozent häufiger bereut als selbst gesuchte.

Was die EU dazu sagt

Seit dem Digital Services Act (DSA) müssen sehr große Plattformen wie YouTube in der EU mindestens eine Empfehlungsoption anbieten, die nicht auf Profiling beruht (Art. 38 DSA). Die Bürgerrechtsorganisation EDRi hat im März 2026 Beschwerde eingereicht, weil diese Option bei YouTube schwer zu finden sei. Entschieden ist darüber noch nichts – aber die Debatte zeigt, dass „ohne Algorithmus“ inzwischen auch politisch ein Thema ist.

5 Wege, YouTube ohne Empfehlungsstrudel zu nutzen

1. Den Abo-Feed statt der Startseite öffnen

Unter „Abos“ zeigt YouTube die Videos deiner abonnierten Kanäle chronologisch. Das ist der einfachste Schritt. Der Haken: Die App öffnet trotzdem immer auf der personalisierten Startseite, und Shorts mischen sich dazwischen.

2. Den Wiedergabeverlauf pausieren

Seit 2023 gilt: Wer den Wiedergabeverlauf ausschaltet und keinen nennenswerten Verlauf hat, bekommt auf der Startseite keine Empfehlungen mehr, sondern nur noch Suchfeld und Abos. Nachteil: Auch praktische Funktionen wie „Weiterschauen“ leiden darunter.

3. Autoplay abschalten

Der kleine Schalter im Player entscheidet, ob nach deinem Video automatisch das nächste startet. Aus ist aus – das allein verhindert viele „nur noch eins“-Abende.

4. Kanäle per RSS-Feed abonnieren

Kaum bekannt: Jeder YouTube-Kanal hat einen öffentlichen RSS-Feed unter youtube.com/feeds/videos.xml?channel_id=…. Damit kannst du Kanäle in jedem Feedreader verfolgen. Das ist sehr sauber, aber etwas bastelig, und Videos landen getrennt von deinen Podcasts und deiner Musik.

5. Eine App mit eigener Inbox nutzen

Genau diesen Ansatz haben wir in zentr umgesetzt: Du folgst den Kanälen, die dich interessieren, und neue Videos landen in derselben Inbox wie neue Podcast-Folgen, Hörspiele und Alben – das Neueste oben. Keine Startseite, keine Vorschläge, Shorts standardmäßig ausgeblendet.

Warum zentr bewusst ohne Algorithmus arbeitet

Als wir zentr geplant haben, war die naheliegende Frage: Sollen wir auch Empfehlungen einbauen? Wir haben uns dagegen entschieden, aus drei Gründen.

  • Du weißt besser, was du hören willst. Deine Favoriten sind schon eine sehr gute Auswahl. Ein Algorithmus würde vor allem Dinge dazwischenschieben.
  • Vollständig statt kuratiert. Bei einem algorithmisch sortierten Feed weißt du nie, was fehlt. In der Inbox siehst du alles, was deine Kanäle veröffentlicht haben, und bist irgendwann fertig.
  • Kein Profil. Empfehlungen brauchen ein Profil über dein Verhalten. zentr hat keine Nutzungsanalyse und speichert deine Bibliothek auf deinem Gerät und in deiner iCloud.

Technisch nutzt zentr dafür die offiziellen Schnittstellen und Kanal-Feeds von YouTube. Abgespielt wird über YouTube selbst: Du wählst, ob ein Video in der YouTube-App öffnet oder im offiziellen YouTube-Player direkt in zentr läuft. zentr ersetzt YouTube also nicht, sondern sorgt dafür, dass du gezielt reingehst und wieder rauskommst.

Wie verstreut Podcasts inzwischen zwischen Apple, Spotify und YouTube sind, liest du in Podcasts überall: Wie du sie wieder an einem Ort hörst und schaust.

Quellen

  1. Tubefilter: YouTube says recommendations drive most watch time (11.01.2018)
  2. Tubefilter: Mozilla „YouTube Regrets“-Studie (07.07.2021)
  3. 9to5Google: YouTube-Startseite ohne Wiedergabeverlauf (08.08.2023)
  4. Digital Services Act, Art. 38: Empfehlungssysteme
  5. EDRi: DSA-Beschwerde gegen YouTube (2026)